07/06/2026
Gasthaus zur Waldesruh, Arzlohe
Offen
Entdeckt habe ich die Waldesruh bei einer unserer gemeinsamen Erkundungsfahrten über die Dörfer im Auto meines Expeditionskollegen Simon Sachs. Das war im März diesen Jahres. Der Winter war noch da, hartnäckig, und die Vegetation schien weit weg vom Frühling. Eine kurzes Klingeln am Haus der Familie Steger mit der Bitte um Entschuldigung für die sonntägliche Störung ergab, daß das Gasthaus jedes erste und dritte Wochenende geöffnet hat. Auf die Nachfrage, wie denn die Öffnungszeiten aussähen, entgegnete die Frau Anneliese Steger, ihres Zeichens Wirtin der Waldesruh: "Wenn offen ist, ist offen!" Genauso gefällt es mir, und jetzt bin ich rausgefahren, um zu schauen, ob das noch stimmt.
Mit der Eisenbahn geht es zum rechten Bahnhof von Hersbruck, und von da aus weiter mit einem Omnibüsschen nach Förrenbach, weil ich auf einen blitzsauberen Frühschoppen beim schmunzelnden Karl Sandrock (siehe https://www.facebook.com/share/p/18t9seyoja/) spekuliere. Sprich, ich weiß nicht genau, ob offen ist. Müßte eigentlich.
Die Metzgerei ist schon mal nicht geschlossen, und als sich die Tür zur Wirtschaft aufdrücken lässt und mich sinnesbetäubende Duftschwaden von gekochtem und gebratenem Fleisch umgarnen, da weiß ich bereits, es wird ein guter Tag.
Ich nehme meinen gewohnten Platz ein, und nun ist es der Sohn vom Karl, der Uwe Sandrock, der mich begrüßt. Ganz im Metzgersdress. Die Klingel vom Laden geht immer wieder, und er muß zwischendrin hinüber, weil das Personal fehlt. Er füllt meinen Reisekrug, und wir kommen gleich in's Gespräch. Und gleich fällt mir auf, er ist kein Schmunzler, er ist ein Lächler. Gut, andererseits, bei seiner Bratwurstkunst, die er mir angedeihen lässt, wie ich da über beide Ohren griene, da freut er sich gleich mit. Ich bin gerne hier.
Schließlich lässt sich auch sei Fadder blicken, und warnt mich vor dem steilen Anstieg gen Arzlohe. Als ich beim Aufbruch sage, nach dem Auftakt könne ja nix mehr schief gehen, da ernte ich ein Schmunzeln und ein Lächeln. Unbezahlbar.
Ich habe jetzt richtig Lust auf Laufen und Wald, und der steile Weg geht mir leicht vom Fuß. Der Regen der letzten Tage lässt die Natur sattgrün strahlen. Tiefer Buchenwald, Waldesruh. Kurz vor Arzlohe taucht die Kapellenruine 'Zum Heiligen Baum' auf. Ich nehme auf einem Teil der Umfassungsmauer Platz, und halte inne. Was bin ich froh, daß sich die Mär vom immer wieder bedienten "Wandern ist in!" nach wie vor nicht erfüllt hat. Keine Menschenseele zu sehen, an diesem besonderen Ort. Derhamm, am Bierfest dertreten sich die Leut. Das lauschige Plätzchen entlockt mir ein brummiges Genußschnurren.
Da drängt sich in meine Kontemplation das Geräusch eines Automobils auf Schotter, der näher kommt. 'Zefix, die Bläidl!' denke ich mir. Wenn es wenigstens ein '69er Chrysler New Yorker wäre, oder ein Buick Riviera, wie ihn der Sepp in 'Irgendwie und Sowieso' gefahren hat. Ich beende mein meditatives Tête-à-Tête mit der Versonnenheit, und mache noch ein paar Foto von dem Kapellentorso. Da tritt plötzlich jemand, ohrenscheinlich aus dem Nicht-Amischlitten, an mich heran. Ich drehe mich zur Seite, und da sind es Sigrid und Ulf, mit denen ich in der Waldesruh verabredet bin. Ich entschuldige mich bei den beiden, daß ich sie als Bläidl bezeichnet habe.
Während die beiden mit ihrem Kleinboliden schon mal zur Wirtschaft fahren, laufe ich noch den knappen Kilometer. Ein Auto begegnet mir auf der Dorfstraße, sonst stille Beschaulichkeit. Das Gasthaus, ein friedliches Idyll im Grünen, und es ist offen. Wir sind die einzigen Gäste. Wieder geht der Gedanke zu der Masse an kleinen Gasthäusern, die allein hier in der Gegend zuhauf zugemacht haben. So ein Tag wie heute, wenn ich den einpacken und als Geschenk an meine besten Freunde überreichen könnte, das wäre Ausdruck tiefster Verbundenheit.
"Es gibt nur Brodwöschd.", meint die Frau Steger. Für größere Speisen hätten wir vorbestellen müssen. Na gut, bevor ich mich schlagen lasse.
Naa, Gschmarri, ich freue mich wie ein Schneekönig, wieder eine neue Variante an Bratwurst verkosten zu dürfen.
Dann, plötzlich, beim kulinarischen Genußbaden im Bratwurstrausch entfährt mir ein derart mächtiger Lustseufzer, daß beim Bierfest in Nürnberg für einen klitzekleinen Moment alles zum Stillstand kommt, sich alle um- und fragend anschauen, woher dieser epochale Laut der Befriedigung kommt, der jeden und jedes bebend durchdringt.
VO MIR, IHR HAUMDAUCHER!!! IICH HOGG IN ARZLOHE, UND HAB IS SCHÖNSTE LEHM!"
Aber das hat dann schon keiner mehr gehört. Zu laut.
Liebe Leut, geht hin, wenn noch offen ist. Weil, wenn einmal zu ist, dann ist zu. Und dann wird's meistens nimmer offen....💔!
Hintergrundrauschen:
Guru Guru - Der Elektrolurch (1974)